Warum kann Gott das Leid zulassen?

Die Frage nach dem Leid ist eigentlich eher eine Frage nach Gott. Fast in jedem Gespräch, in dem es über die Existenz Gottes geht, kommt diese Frage früher oder später auf dem Tisch: Wenn es Gott gibt, warum lässt er dann das Leid zu?

Und es geht vor allem um die Frage: „Warum sollte ich mit einem Gott Kontakt aufnehmen, der Ungerechtigkeit und Leid in meinem zu Leben zulässt?“ Die Frage unterstellt, dass Gott allmächtig und zugleich gut ist und dass solch ein guter, lieber Gott das Leid nicht zulassen könnte. Jeder von uns hat in seinem nächsten Umfeld schon Ungerechtigkeit und Leid erfahren. Deshalb beschäftigt uns diese Frage existenziell. Aber auch philosophisch wird diese Frage heftig diskutiert.

In zwei Teilen möchte ich dieser Frage näher auf den Grund gehen. Der erste Teil führt uns hin zur philosophischen Antwort. Die philosophisch-logische Antwort lässt uns jedoch in unserem persönlichen Leben und unserer existenziellen Frage nach der Sinnhaftigkeit des Leides allein. Der philosophische Weg führt nur zu einer Zwischenlösung, eine Vorläufigkeit, die weiter auf eine existenzielle Antwort wartet. Deshalb soll in einem zweiten Teil eine Sinn stiftende und Leben schaffende Antwort auf unsere Frage durch eine christliche, gesamtbiblische Betrachtungsweise versucht werden.

Teil 1: Die philosophische Vorläufigkeit

Leid ohne Gott?

Wenn wir davon ausgehen, dass es keinen Gott gibt, dann brauchen wir uns letztlich auch nicht viel dem Thema Leid beschäftigen. Für den Biologen und Naturphilosophen Richard Dawkins (*1941) sieht das Universum so aus als „wenn dahinter kein Plan, keine Absicht, kein Gut oder Böse steht, nichts außer blinder, erbarmungsloser Gleichgültigkeit“ steckt. Und wenn alles erbarmungslos gleichgültig ist, wieso sollte dann das Leid sich negativ abheben von einem „heilen“ Leben? Eine krumme Linie kann ich doch nur erkennen, wenn ich weiß, was eine gerade Linie ist.

Leid ohne Gott wäre nur eine Spielform des sinnlosen Lebens.

Naturwissenschaft und Glaube

Einen Gottesbeweis kann die Naturwissenschaft nicht liefern. Ebenso wenig wie die Untersuchung einer Mauer den Maurer dahinter erkennen lässt.

Naturwissenschaft kann dem nachforschen wie etwas ist. Sie kann aber nicht erklären, warum es so ist. Deshalb ist Naturwissenschaft nicht per se eine atheistische Wissenschaft. Eher im Gegenteil: je tiefer man in die Wissenschaft eintaucht, desto staunenswerter sind die Erkenntnisse. Das Jahrhundertgenie Albert Einstein (1879 – 1955) sagte dazu: „Ich möchte wissen, wie Gott diese Welt erschaffen hat. Ich möchte seine Gedanken erkennen.“ Oder wie Werner Heisenberg (Atomphysiker und Nobelpreisträger) formulierte: „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott“.

Mit der Entwicklung der Quantentheorie ist das Zeitalter der modernen Physik eingeläutet worden. Zugleich wurde von einem Quantensprung im Denken gesprochen. Das bedeutet, dass wir erkennen, „dass die Wirklichkeit mehr als das Sichtbare ist“. So brachte es Thomas Grömitz, Physiker aus München, 2010 in einem Vortrag auf den Punkt.

Philosophische Ansätze

Es war schon Epikur (ca. 341-270 v. Chr.), der meinte, in unserer Fragestellung einen Widerspruch entdecken zu müssen. Z.B. so: “Gott kann das Böse entweder von der Welt wegnehmen und will nicht; oder er ist willig und kann nicht; oder er kann weder noch will er…“

Philosophen der jüngeren Geschichte jedoch zeigen auf, dass dieser Widerspruch nicht explizit sein muss. So formuliert Ronald Nasch (The Problem of Evil, 2000) wie folgt

  1. Ein all-mächtiger, all-wissender, gütiger Gott hat die Welt erschaffen.
  2. Seine Welt hatte Böses in sich aber er hatte einen guten Grund dafür.
  3. Darum existiert das Böse in der Welt.

Und William Craig ergänzt 2003: “sowohl nach Quantität als auch nach Qualität hat Gott ausreichend moralische Gründe, um die Existenz des Bösen zu erlauben.” Die meisten Philosophen der heutigen Zeit sehen also das Problem als gelöst; das Problem, das Gottfried Wilhelm Leibniz 1710 als die Theodizee-Frage beschrieb (Theodizee-Frage = die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes). Die Antwort liegt darin, dass Gott das Böse erlaubt, damit nicht noch Bößeres geschieht und damit etwas höherwertig Gutes realisiert werden kann (Das Greater Good Argument). Für Alvin Plantinga, God And Other Minds, 1967, ist es zudem auch nicht notwendig zu wissen, welche Gründe Gott hatte, das Böse zuzulassen. Es genügt ihm zu behaupten, dass Gott höhere Gründe hatte, auch wenn wir diese nicht kennen.

Nun, mit dieser philosophischen Problemlösung stehen wir nun allein da: Es gibt das Leid und das Böse, damit nicht noch größeres Leid geschieht. Und bestimmt hat Gott einen höheren guten Grund, dass er das Leid zulässt. Aber was ist mit meinem Leid, mit meinem Leben. Welches größere Leid soll denn der Tod meines Partners verhindern? Welches größere, höhere und gute Ziel soll meinem Leid noch übergeordnet sein?

In einem zweiten Teil wollen wir auf diese Fragen eingehen.

Friedhelm Appel